Clemens J. Setz: Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes
Von Boris Seewald
Sämtliche Erzählungen dieser Sammlung klingen zumindest interessant, wenn nicht gar viel versprechend, deutet man ihren Inhalt lediglich an: Ein autistischer Eskapist zieht sich auf seinen eigenen Planeten zurück; ein figurierter Clemens J. Setz wird selbst Teil seines Nachlasses; eine junge Frau wohnt in einem Riesenrad. So einige davon lesen sich anfangs sogar wie eine Horror-Short Story. Sie erzeugen eine ominöse Atmosphäre, laden eine Situation mit Spannung auf; spitzen sich aber nicht zu, sondern bleiben vage, höhepunktlos und versanden in Belanglosigkeit. Gemein ist nahezu allen ihre melancholische, ernsthafte Grundstimmung. In der ersten Geschichte Milchglas mündet ein traumatisches Kindheitserlebnis in einem kryptisch-verstörenden offenen Ende, das Albtraum und Realität ununterscheidbar lässt. Darauf folgt Die Waage, worin ein klassisches Suspense-Motiv aufgegriffen wird: Ein scheinbar harmloser alltäglicher Gegenstand wird zum Auslöser oder Zentrum übernatürlicher Vorgänge oder, wie in diesem Fall, einer psychischen Krise des Protagonisten. Sie scheint zu Gewalt und Zerstörung zu führen, aber auch hier bleiben konkrete Folgen ungeklärt. Es entsteht der Verdacht, Clemens J. Setz habe durchaus Lust verspürt, einen süffigen Genrebeitrag zu leisten, sich aber – leider zugunsten schwacher allegorischer Miniaturen – zurück gehalten, um nicht unter Trivialitätsverdacht zu geraten.