Aus dem Blickwinkel des Kakadus

Martin Mosebach: Was davor geschah
Von Christian Rhein

Am Anfang des Romans stehen für den Erzähler, fünfunddreißig, Bankangestellter, ein neuer Job, eine neue Wohnung und ein neuer Nachbar – ein gewisser Freiherr von Sláwina, der außerhalb seiner Wohnung nicht zu existieren scheint. Von seiner Gegenwart zeugen nur ständig wechselnde Gäste, Klavierklänge und die Überreste einer Wegwerfgesellschaft, die den Flur versperren:

»Leben ist immer ein Problem, und jeder Tod eine Lösung«

Helmut Krausser: die letzten schönen Tage
Von Melanie Horn
 
»Und plötzlich pinkelte sich Serge in die Hose, seine hellblaue Jeans verfärbte sich dunkel, und rund um seine Füße entstand eine Pfütze« – die Hauptfiguren von die letzten schönen Tage sind typisch Krausser: der 33-Jährige Mann namens Serge, der »psychisch nicht ganz normal« ist, bei einem Geschäftsmeeting ausflippt und sich in die Hose pinkelt, ein koksender, sexsüchtiger Photograph namens David, der in der gleichen Firma arbeitet; und schließlich Kati, eine Frau, die es mit beiden Männern treibt, von letzterem aber nur »körperlich abhängig ist«. In abwechselnden Perspektiven erzählt Helmut Krausser einen dreimonatigen Ausschnitt aus dem Leben dieser drei Figuren, in dem eigentlich nur einer die Fäden zieht: Serge. Psychisch kaum zurechnungsfähig, besitzt er einen überdurchschnittlich hohen IQ und greift auf fast unheimliche Weise in das Leben von Kati und David ein.

» ... wer soll da noch Ruhe bewahren?«

Clemens J. Setz: Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes
Von Boris Seewald

Sämtliche Erzählungen dieser Sammlung klingen zumindest interessant, wenn nicht gar viel versprechend, deutet man ihren Inhalt lediglich an: Ein autistischer Eskapist zieht sich auf seinen eigenen Planeten zurück; ein figurierter Clemens J. Setz wird selbst Teil seines Nachlasses; eine junge Frau wohnt in einem Riesenrad. So einige davon lesen sich anfangs sogar wie eine Horror-Short Story. Sie erzeugen eine ominöse Atmosphäre, laden eine Situation mit Spannung auf; spitzen sich aber nicht zu, sondern bleiben vage, höhepunktlos und versanden in Belanglosigkeit. Gemein ist nahezu allen ihre melancholische, ernsthafte Grundstimmung. In der ersten Geschichte Milchglas mündet ein traumatisches Kindheitserlebnis in einem kryptisch-verstörenden offenen Ende, das Albtraum und Realität ununterscheidbar lässt. Darauf folgt Die Waage, worin ein klassisches Suspense-Motiv aufgegriffen wird: Ein scheinbar harmloser alltäglicher Gegenstand wird zum Auslöser oder Zentrum übernatürlicher Vorgänge oder, wie in diesem Fall, einer psychischen Krise des Protagonisten. Sie scheint zu Gewalt und Zerstörung zu führen, aber auch hier bleiben konkrete Folgen ungeklärt. Es entsteht der Verdacht, Clemens J. Setz habe durchaus Lust verspürt, einen süffigen Genrebeitrag zu leisten, sich aber – leider zugunsten schwacher allegorischer Miniaturen – zurück gehalten, um nicht unter Trivialitätsverdacht zu geraten.

Im Schatten des Nobelpreisträgers

Michael Degen: Familienbande
Von Kathrin D. Paszek


Familienbande ist ein Titel, bei dem man sich eine fröhliche Familie vorstellt, die fest zusammenhält und alle Probleme gemeinsam löst. Nicht aber bei Michael Degen und vor allem nicht bei der Familie, die im Zentrum seines Romans steht: Es handelt sich um die Familie Thomas Mann. Entsprechend der Aufmerksamkeit, die man dem Familienvater, Nobelpreisträger und Autor der Buddenbrooks schenkte, standen selbst bei seiner Frau Katia die Kinder im Hintergrund. Bekannt sind vor allem die älteren Geschwister Erika, Klaus und Golo, weniger hingegen Monika, Elisabeth und Michael.

Endstation Sibirien

Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil
Von Lisa Huber


Das Thema Demenz in einem literarischen Text zu verarbeiten, verlangt stilistisches Feingefühl. Viel zu leicht gelangt man sonst in gefährliche Fahrwasser von Pathos und Fremdscham. Man erinnert sich mit Entsetzen an das Buch von Tilman Jens, in dem er über die Demenz seines Vaters, des großen Walter Jens, schreibt, und dessen Text kaum mehr als ein Palimpsest von enttäuschter Liebe und der Suche nach Anerkennung ist.

Alpengrauen

Alice Schmid: Dreizehn ist meine Zahl
Von Christoph Hümpfner


Die Kindheit ist eine Zeit voller Naivität und voller Magie. Alice Schmid erzählt eine Geschichte, in der beides mehr in Schatten als in Licht gehüllt ist.
Von außen betrachtet lebt die neunjährige Lilly wohlbehütet in einem kleinen Dorf in den Schweizer Alpen der 1950er Jahre. Doch nicht nur ihre Familie ist höchst dysfunktional, sondern das halbe Dorf scheint – ganz wie in einer naturalistischen Milieustudie – von Aberglauben, Alkohol und Missbrauch durchzogen zu sein.

Alphabetisierung der Abgründe

Franz Dobler: Letzte Stories. 26 Geschichten für den Rest des Lebens
Von Nils Neusüß


Es sind natürlich nicht die Letzten Stories, wie der Titel der Kurzgeschichtensammlung von Franz Dobler androht. Nach ihnen ist nicht alles gesagt, und Dobler versucht zum Glück auch gar nicht, dem Leser die Welt zu erklären. Umso seltsamer scheint dann allerdings der Aufbau der Sammlung: Dobler war sich offenbar nicht zu schade, die Erzählungen alphabetisch zu sortieren – was dann eben auch zu so wunderbar unsinnigen Titeln wie Yang und X-Beine führen musste – und diese Entscheidung dann mit dem Prädikat »ABC des Lebens« zu rechtfertigen.
 
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